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mz-web.de: Die modernisierten Häscher von rechts

Jugendgerichtstag berät zu Rechtsextremismus
von Claus Blumstengel, 11.10.07, 20:39h, aktualisiert 11.10.07, 21:15h

Dessau-Roßlau/MZ. Noch bis Mitte der 90er Jahre habe man als Demokrat in Deutschland gedacht, diese ewig NPD-Altherrenklubs würden sich mangels Nachwuchs irgendwann von selbst erledigen, weil sie auf Jugendliche abstoßend wirkten. "Heute ist der Rechtsextremismus eines der großen Bedrohungspotenziale für unsere Gesellschaft", sagte am Donnerstag Roland Roth, Professor für Politikwissenschaften an der Fachhochschule Magdeburg, auf dem zweiten Jugendgerichtstag in Dessau. Der Grund für die gefährliche Metamorphose: Für viele überraschend sei es der NPD gelungen, in ihrer politischen Nähe ein Jugendmilieu aufzubauen.

Im voll besetzten Saal des Landgerichts befassten sich am Donnerstag unter dem Thema "Rechtsextremismus und Jugend - Leere - Irrweg - Endstation" Mitarbeiter von Polizei, Justiz und anderen Behörden sowie Vertreter von Vereinen mit diesem Phänomen. Zwei Faktoren machte Roth für den Zuspruch rechtsradikaler Parteien und Gruppierungen bei Jugendlichen aus: Attraktive Angebote, die junge Leute anziehen, sowie Defizite im Umfeld, die diese den Rechtsextremen geradezu in die Arme treiben würden.

In jüngster Zeit habe es eine "Modernisierung des Rechtsextremismus" gegeben, weg von krakeelenden Skinheads in Springerstiefeln. So habe sich die NPD bei unverändert rechtsextremer Ideologie anderen Jugendkulturen geöffnet. Leute aus der eigentlich unpolitisch-anarchischen Hip Hop-Szene tummelten sich jetzt - vor wenigen Jahren undenkbar - bei den Rechten ebenso wie Jugendliche mit Palästinenser-Tüchern und Che Guevara T-Shirts. Für sie gebe es "Möglichkeiten des sanften Einstiegs" auf Konzerten, bei Ausflügen, Grillabenden, ohne dass sich die Teilnehmer ausdrücklich zu einer rechten Gesinnung bekennen müssten. Im Umfeld der NPD gibt es laut Professor Roth ein großes Spektrum der allmählichen Annäherung für Jugendliche, von losen Gruppentreffen bis zum straff organisierten harten Kern. Keiner demokratischen Partei gelinge es zurzeit, Jugendliche derart einzubeziehen, stellte Roth fest. So sei die NPD in den neuen Bundesländern die Partei mit der jüngsten Wählerschaft.

Mit dem Hass auf Sündenböcke, mit der Verherrlichung von Gewalt und Krieg würden junge Männer, die sich als Verlierer sehen, ihr Selbstwertgefühl steigern. Besonders anfällig für rechte Ideen seien Jugendliche aus autoritären Elternhäusern. Dagegen seien Jungen, die in der Familie zur Mitbestimmung erzogen wurden, vor rechter Ideologie stärker gefeit, wie auch Mädchen, die mit Männlichkeits-Kult und Gewaltverherrlichung meist nichts anfangen können.

Mit den Defiziten nannte der Sozialwissenschaftler zugleich die Auswege: Jugendpolitik sei in den Kommunen out. Damit lasse sich keine politische Karriere machen. So fehle es an breit gefächerten Angeboten für die Freizeit. Wo es die gebe, spiele die rechte Szene keine Rolle. "Skandalös" nannte er fehlende berufliche Perspektiven für junge Leute, die wenig Unterstützung bekämen. "Jugendliche ohne Zukunft sind anfällig für rechtes Gedankengut", stellte er fest.

Professor Roth forderte mehr Möglichkeiten der Mitwirkung für Kinder und Jugendliche in Wohnort und Schule. "Mehr Demokratie ist das wirksamste Mittel gegen Rechts", argumentierte er.

Bei Jugendlichen könne man noch steuernd eingreifen, "ehe es ein Weg ohne Rückkehr wird", äußerte Generalstaatsanwalt Jürgen Konrad hoffnungsvoll. "Wenn aber der Staatsanwalt tätig wird, haben andere Mechanismen schon versagt."
Quelle

11.10.07 23:49

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