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mz-web.de: Das große Schweigen bleibt

Vorfall ist Tabuthema im Dorf - Initiativkreis bemüht sich um Aufarbeitung
von Steffen Reichert, 07.10.07, 20:35h, aktualisiert 07.10.07, 21:24h
Pretzien/MZ. Friedrich Harwig hat mit sich gerungen. Soll er reden? "Wann immer ich etwas dazu gesagt habe", erklärt der Bürgermeister, "es hat meinem Dorf nichts genützt." In dem 970-Seelen-Ort Pretzien, ganz in der Nähe von Schönebeck gelegen, hat das Wort "dazu" eine neue Bedeutung erhalten. Es umschreibt, worüber hier kaum jemand sprechen möchte. Stattdessen wird unterteilt: in vorher und nachher.

Davor war die Welt in Ordnung. Da gab es das Dorf, das man anderenorts vor allem als Station des Elbe-Radweges kannte. Es gab den Angelverein und den SV "Blau Weiß", den Evangelischen Frauenhilfsverein, die Volkssolidarität und die Freiwillige Feuerwehr. Man traf sich im Dorf-Konsum, trank dort sein Bier und grüßte freundlich die Nachbarn. Und dann gab es die "Sonnenwendfeier" in jenem Sommer 2006, als ein halbes Dutzend junger Männer aus dem Ort das "Tagebuch der Anne Frank" und eine US-Flagge als etwas "Artfremdes" in die Flammen warfen. An diesem Abend begann "Danach".

Wortkarge Leute

Wer heute durch das Dorf geht, der wird sofort als Fremder und möglicherweise als Journalist identifiziert. Der stößt auf wortkarge Leute und hört Sätze wie: "Die Stimmung im Dorf? Da müssen Sie schon meinen Mann fragen!" Mit ein bisschen Pech können auch schon mal die Autoreifen dran glauben. Und wer es schafft, bis ins Dorfgemeinschaftshaus zu gelangen, der trifft dort Friedrich Harwig.

Hier hat der Bürgermeister sein Büro. Er sieht sich selbst als "bekennenden Kommunisten". Insofern ist nicht anzunehmen, dass er Verständnis für die rechtsextremen Taten der jungen Männer aus dem Dorf hat. Und doch: Harwig ist noch immer der Überzeugung, dass es richtig war, die Männer in die Vereinsarbeit des Dorfes einzubeziehen. "Früher", sagt er, "haben die deutschlandweite Neonazitreffen im Ort organisiert." Seit sie im Dorf mitmachen können, sei das nicht mehr der Fall. Natürlich: Hätte er jedoch gewusst, was da drohe, hätte er ihnen und ihrem Verein, dem rechtsgerichteten "Heimatbund Ostelbien", die Organisation des Festes im Sommer 2006 nicht überlassen. Aber jene im Dorf, die heute alles wissen würden, das seien auch jene, die im Initiativkreis nie zu sehen seien. Der Kreis ist nach der Bücherverbrennung gegründet worden. Regelmäßig abends trifft er sich und berät, was im Ort gegen Rechtsextremismus unternommen werden kann.

Harwig hat keine Illusionen. Dass das Gremium, das manche im Ort als "eine Peinlichkeit" abtun, große Wirkung entfaltet, kann er nicht ausmachen. "Der Vorfall ist ein Tabuthema." Am sichtbarsten werde dies beim abendlichen Bier, wenn auch die Täter mit dabei sind. "Da stehen alle am Tisch und reden." Nur ein Thema werde ausgespart.

50 Jahre Parteimitglied

So war es auch bei Harwig. 50 Jahre war er Mitglied seiner Partei, erst der SED, dann der PDS. "Danach", nach der Sonnenwendfeier 2006, hat sich niemand mehr gemeldet aus der PDS. Irgendwann hat er in der Zeitung gelesen, dass man erwarte, dass er die Partei verlässt. Harwig, einst Offizier der NVA, ist gegangen. Angekommen ist er nicht. So ringt er mit sich und weiß nicht mehr, was richtig ist in diesen Zeiten. Mit den Rechtsextremen reden oder nicht?

Andreas Holtz hat auf diese Frage eine klare Antwort. "Neonazis ins Dorfleben einzubinden, war und ist ein Fehler." Holtz ist der für Pretzien zuständige evangelische Pfarrer und hat wenig Zeit. Er kommt gerade aus Rom. Und schon steht wieder ein Treffen mit der Jugendgerichtshilfe im Terminkalender. Es geht um Geld, um viel Geld, wenn es klappt. Fördermittel können beantragt werden. Der Lokale Aktionsplan Schönebeck soll angezapft werden.

Ob es hilft, ob das Dorf bei der Aufarbeitung des rechtsextremen Exzesses vorankommt - Holtz weiß es nicht. Was er weiß, ist eher desillusionierend. Er spricht vom "großen Schweigen" in Pretzien und davon, dass ihn die Sorge umtreibt, die Einwohner des Ortes könnten auf Dauer mit ihrer Geschichte nicht klarkommen. "Alles, was von außen kommt, wird nicht akzeptiert", sagt der Theologe. Deshalb gelte, dass die Ereignisse im Dorf selber geklärt werden müssten. "Aber das geschieht nicht."

"Zarte Pflänzchen"

Claudia Luzar ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Zentrum für Demokratische Kultur in Berlin, das Bürgermeister Harwig seit einiger Zeit unterstützt. Wenn sich der Initiativkreis trifft, kommt Luzar aus der Hauptstadt in die Provinz und hilft dessen Mitgliedern bei der Suche nach Lösungsansätzen. "Zarte Pflänzchen" bei der Entwicklung einer demokratischen Kultur glaubt sie in Pretzien zu erkennen. "Es ist doch ein Erfolg, dass sich hier Menschen zusammenfinden, um über das Erlebte zu sprechen."

Gesprochen haben sie auch bei der Freiwilligen Feuerwehr in Pretzien. Einen ganzen Abend lang ist es um die Frage gegangen, ob einer der Rechten aus dem Verein ausgeschlossen wird. Sie haben mit sich gerungen, am Ende hat man abgestimmt. Der junge Mann darf weiter in der Löschgruppe bleiben. Die Begründung war so eindrucksvoll wie nüchtern: Die Satzung der Feuerwehr lasse etwas anderes nicht zu. Quelle

8.10.07 21:30

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