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mz-web.de: Musik statt Springerstiefel

Veranstaltung «Paroli den Parolen» in Schwemsal befasste sich Rechtsextremismus
von Susann Huster, 26.08.07, 16:39h, aktualisiert 26.08.07, 17:58h

Schwemsal/MZ. Robin ist ein unpolitischer Mensch, aber er hat lange Haare und trägt mit Vorliebe schwarze Kleidung. Das ist dem Wittenberger schon mehrfach zum Verhängnis geworden: Er wird regelmäßig von Anhängern der rechten Szene angepöbelt. Robin weiß ganz genau, welche Ecken seiner Stadt er besonders im Dunkeln meiden muss.

Mit dem Thema Rechtsextremismus und wirksamen Schritten gegen die Gefahr von Rechts befasste sich die Veranstaltung "Paroli den Parolen". Am Wochenende trafen sich neun Jugendliche in Schwemsal, um mit Vertretern der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, der Landeszentrale für politische Bildung sowie anderer Vereine und Organisationen über die Erscheinungsformen des Rechtsextremismus sowie mögliche Reaktionen auf Begegnungen mit Rechtsextremen zu diskutieren. Die jungen Leute tauschten ihre Erfahrungen aus, berichteten von Begegnungen mit Anhängern der rechten Szene. Wie reagiere ich in welcher Situation richtig? Wann ist es ratsam, die Polizei zu verständigen? Auf diese Fragen versuchten die Jugendlichen eine Antwort zu bekommen. "Bei einem Rollenspiel haben wir zunächst rechte Parolen zusammengetragen. Dann hat jeder eine in den Raum geworfen und die anderen haben dagegen argumentiert", berichtete Tobias Thiel, Studienleiter für gesellschaftspolitische Jugendbildung der Evangelischen Akademie. Die hitzigsten Debatten gab es bei häufig verwendeten ausländerfeindlichen Beleidigungen wie "Nigger". Auch die von Rechten oft gebrauchte Parole "Das Boot ist voll" habe eine rege Diskussion ausgelöst. "Für uns war es erschreckend zu hören, dass Jugendliche an bestimmte Orte gar nicht mehr gehen, weil diese von Rechten dominiert werden", so Thiel.

Am Samstag ging es unter anderem um die Frage, welche Vorfälle angezeigt werden sollten. Die Jugendlichen erfuhren, dass bereits ein tätowiertes, offen zur Schau getragenes Hakenkreuz einen Straftatbestand darstellt. Das gelte auch, wenn jemand den Hitlergruß in einer Privatwohnung zeigt oder ein Hakenkreuz irgendwohin schmiert. "Das ist ein verfassungsfeindliches Symbol und deshalb eindeutig eine Straftat", erklärte Marco Steckel von der Beratungsstelle für Opfer und potenzielle Opfer rechtsextremer Straf- und Gewalttaten in Dessau.

"Es geht uns darum, die Situation vor Ort zu beleuchten, wie hier das Bedrohungspotenzial ist", sagte Cornelia Habisch von der Landeszentrale für politische Bildung. Alarmierend ist ihr zufolge, dass in der jüngster Zeit die Zahl gewalttätiger Übergriffe rechtsextremer Täter gegen Jugendliche angestiegen sei. Wie Robins Fall zeigt, seien auch Jugendliche davon betroffen, die gar nicht der alternativen Szene angehören. Ein Teilnehmer der Veranstaltung in Schwemsal, der sich eher der "konservativen Unionsecke" zugehörig fühlt, habe wie Robin Erfahrungen mit rechten Pöbeleien gesammelt.

Das zweitägige Seminar in der Dübener Heide sollte den jungen Leuten helfen, bei der Konfrontation mit ausländerfeindlichen, rechtsextremen Tätern richtig zu reagieren, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. "Manchmal sollte man einfach nur die 110 mit dem Handy wählen", erklärte Thiel. So manche neuen Erkenntnisse brachte sicherlich auch der Vortrag von Mario Bialek vom "Projekt Gegenpart" - der Netzwerkstelle gegen Rechtsextremismus in Dessau. Er berichtete unter anderem, dass Anhänger rechter Ideologien heute nicht mehr eindeutig an Klischees wie Springerstiefeln, Glatze und Bomberjacke zu erkennen seien.

"Sie öffnen sich anderen Subkulturen wie dem Hip-Hop, um Jugendliche an sich zu binden", betonte er. Die Musik sei dabei "die Einstiegsdroge Nummer eins". Damit werde die Ideologie wirksam transportiert. In einer rechtsextremen Erlebniswelt mit Sommerfesten, eingängiger Musik, modischer Kleidung und anderem sollen junge Menschen für die Szene begeistert werden. "Paroli den Parolen" soll keine einmalige Sache bleiben. Die jungen Leute wollen sich wieder treffen und planen die Erarbeitung der Broschüre "Rechtsextreme in Wittenberg und Anhalt". Quelle

27.8.07 11:25

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